Zero Waste Einkauf

Zero natürlich – Null Abfall. Kiel auf dem Weg zur Zero Waste City

Dieser Artikel über die Stadt Kiel auf dem Weg zur Zero Waste City wurde erstellt im Januar 2020 im Auftrag der Redaktion „woman in the city“, Verlag magz medien, Laboe. Abgedruckt in der Ausgabe Februar 2020.

Auf Beschluss der Ratsversammlung bereitet Kiel seine Aufnahme in das Programm der Zero Waste Cities vor. Was heißt das? Unser Abfall wird nicht mehr verbrannt, vergraben oder verladen und anderswo zur Entsorgung hingekarrt. Im besten Fall entsteht er gar nicht erst.

Das wäre die „Königsdisziplin“ erklärt Andreas von der Heydt, Leiter des Umweltschutzamtes. Dafür verbessert die Gesellschaft ihre Prozesse so, dass alles bis zum kleinsten Teil erhalten bleibt – entweder durch Wiederverwertung oder Rückgewinnung, und ohne dass Schadstoffe entstehen oder Lebewesen gefährdet werden. Ziehen alle Beteiligten mit, könnte das 2050 so weit sein.

Kiel ist die erste Stadt Deutschlands, die sich dieser Strategie verpflichtet hat. Mehr als 360 Zero Waste Cities in Europa gehören bereits zur Gemeinschaft. Seit 2004 arbeitet Kiels Partnerstadt San Francisco an dem Plan, zur ersten müllfreien Großstadt zu werden. Daher sprang der Funke schnell über. Den legte vor zwei Jahren der Verein Zero Waste Kiel unter Vorsitz von Marie Delaperrière. Mit ihrem 2014 in Kiel gegründeten Unverpackt-Laden gilt sie als Pionierin beim Verkauf von Waren ohne Einwegverpackung. Die Logistik-Expertin gibt Seminare für Gründerinnen und Gründer. Sie berät Politiker. Ihrem Beispiel eines Bulk-Stores, in dem sich die Kunden Ware aus Schüttgut-Behältern in mitgebrachte Gefäße selbst abfüllen, folgten diverse Einzelhändler Deutschlands. Ehemann Marc Delaperrière repräsentiert in Deutschland Zero Waste Europe. Diese Organisation mit Sitz in Brüssel erhält Projektförderung von der EU sowie Stiftungsmittel. Über ihr Netzwerk lotste der Aktivist rund zwei Dutzend Experten nach Kiel. Auf einer Konferenz stellten sie alle wichtigen Schritte für die Umsetzung der Zero Waste Strategie vor. Mittlerweile melden sich bei Marc Delaperrière weitere Städte und Gemeinden Deutschlands. Münchens Oberbürgermeister Reiter zum Beispiel. Auch Berlin plant den Beitritt zum Mentoring- und Anerkennungsprogramm.

Ende April muss die Kieler Stadtverwaltung ein Konzept vorlegen, um in das Zertifizierungsverfahren einsteigen zu können. Gefordert sind ein Katalog realistischer Maßnahmen sowie ein Handlungsplan für deren Umsetzung. Da die Verwaltung das nebenher personell nicht stemmen konnte, wurde das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und die Stakeholder Reporting GmbH aus Hamburg mit der Durchführung des Prozesses beauftragt. 70 Prozent der dafür erforderlichen Finanzmittel kamen aus der Klimaschutzinitiative des Bundes. Im Gegenzug verlangt Berlin einen Plan zur Einsparung von CO2. Deshalb wurde auch Dr. Norbert Kopytziok vom Büro für Umweltwissenschaften eingebunden. Er leitet das Projekt „klik – klima konzept 2030“ an der Christian-Albrechts-Universität. Gemeinsam analysierten sie den Status Quo Kiels, schätzten Vermeidungspotenziale ab und banden über insgesamt fünf Workshops so viele Beteiligte wie möglich in die Konzeptentwicklung ein.

Exakt 664 Ideen kamen zusammen. Nach Ausfiltern doppelter Nennungen sowie einer Bewertung der Maßnahmen fiel jede sechste raus. Ein letzter öffentlicher Workshop am 15. Januar unter Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern sollte Klarheit darüber bringen, welche der rund 120 Maßnahmen sich als sogenannte „Leuchtturmprojekte“ eignen, welche den größten Effekt für Klima und Müllreduktion versprechen und welche geeignet seien, die Bevölkerung zu mobilisieren. Von der Idee, dass Müll nicht pro bereit gestellter Tonne berechnet wird, sondern nur das beim Abholen tatsächlich gewogene Müllaufkommen, bis hin zu einem städtischen Feriendorf aus Recyclingmaterial und der Gebühr für Brottüten, war die Spanne groß. Nun muss abgewogen werden, was davon umsetzbar ist. Am 22. April stellt die Stadtverwaltung ihr Konzept der Öffentlichkeit vor. Projektkoordinatorin beim Umweltschutzamt ist Tatjana Allers. Sie gibt Ort und Uhrzeit bekannt.

Mehr unter: https://www.kiel.de/de/umwelt_verkehr/zerowaste/index.php

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panama

das; Abk. f. Panorama (griech.). Unter diesem Namen postet Daniela Mett vermischte Nachrichten aus der bewohnten Welt des Nordens bis hoch nach Tromsö. Die ausgebildete Magazinjournalistin berichtet frei und unabhängig. Sie hat sich in 30 Berufsjahren spezialisiert auf Reportagen und Interviews.