Womöglich kippt etwas

Naturmaterialien in der zeitgenössischen Kunst

Das Museum Kunst der Westküste zeigt bis 7. Januar 2018 die Ausstellung „Pure Nature Art“. Der nachfolgende Ausstellungsbericht entstand im Auftrag der Kunstmarktzeitung „Kunst und Auktionen“. Veröffentlich wurde er am 8. Dezember 2017 im ZEITVERLAG Gerd Bucerius GmbH & Co KG, Hamburg.

Die Umgestaltung unseres Planeten schreitet voran. Bereits drei Viertel der eisfreien Landoberfläche, so schätzten Geographen zuletzt vor zehn Jahren, seien mehr oder weniger vom Menschen geprägt. Wildnis fände sich nur in Teilen des Amazonasgebietes, in Sibirien und Nordkanada und den großen Wüsten dieser Erde. Zumindest ein Naturerlebnis verspricht aber auch der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Alle sechs Stunden wechseln sich hier Ebbe und Flut ab. Dann gibt die Nordsee entweder Land frei oder nimmt es wieder, mit einer gestaltenden Kraft, die ihr seit Urzeiten innewohnt.

Im Herzen dieser weltweit einzigartigen Landschaft liegt die Insel Föhr mit ihrem Museum Kunst der Westküste. Seit seiner Eröffnung im Jahr 2009 präsentiert es in halbjährlich wechselnden Ausstellungen Arbeiten, die um Themen wie Natur und Landschaft, Meer und Küste kreisen. Impulse dafür liefern der eigene Lebensraum mit den dort spürbar gewordenen gesellschaftlichen Veränderungen sowie der globale ökologische Wandel.

„Pure Nature Art“ ist aktuell eine von drei Ausstellungen, die parallel bis Januar laufen. Sie zeigt eine Auswahl aktueller künstlerischer Positionen zum Verhältnis der Kunst zur Natur. Konzentriert auf wenige, aber dafür zentrale Arbeiten präsentieren Künstlerinnen und Künstler in ortsbezogenen Installationen Kernbotschaften ihres Schaffens. Alle sechs sind Europäer. Sie denken die vor fünfzig Jahren als „Arte povera“ apostrophierte Bewegung weiter. Diese ging von Italien aus und wurde zunehmend für den internationalen Kunstdiskurs wichtig. Der Triumphzug einer primär von Amerika geprägten Moderne warf damals Fragen auf: Gibt es den allmächtigen schöpferischen Geist? Wenn der Mensch Teil der Natur ist, wie kann er sich dann über sie erheben? Oder mit den Worten von Mario Merz: „Wenn die Natur Natur ist, was sind wir dann, was ist die Kunst?“

Was sie nicht ist, zeigte 1969 Arte Povera Begründer Jannis Kounellis, als er Pferde in einer Turiner Galerie anband: Kunst ist niemals reine Natur. Im künstlerischen Kontext wird „Pure Nature“ zur „Pure Nature Art“. Christiane Löhr war 1996 an der Düsseldorfer Kunstakademie seine Meisterschülerin. Ihre auf Föhr ausgestellte Arbeit „Kleine unendliche Haarsäule“ nimmt Bezug auf diese legendäre Aktion von Kounellis. Indem sie Haar von Inselpferden zur Skulptur knüpft, erhält das superfeine Material Volumen und eine Körperlichkeit, mit der es unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. Das ist Raumaneignung unter Verwendung sparsamster Mittel, eine Strategie, die exakt das Gegenteil von dem darstellt, was ihr Lehrer einst in Turin inszenierte. Aus Marginalem etwas zu schaffen, fasziniert auch die Schweizerin Regine Ramseier. Aus Blättern und zarten Rispen leimt sie ihre „Laubläufer“. Aufwendige Trocknung verzögert deren Verfall. Oder sie fixiert Löwenzahnblumen im fragilen Zustand der Pusteblume, unterstützt von Draht und Spray. Ihr künstlerischer Eingriff verlängert Leben. Er setzt die Zeit außer Kraft.

„Früher habe ich gesagt, dass Natur Kunst ist“, erinnert sich herman de vries, „aber sie braucht diese Bezeichnung nicht“. Der Niederländer ist ausgebildeter Gärtner, Botaniker und Biologe. Er gilt als Pionier der Naturkunst. „Mein Ziel ist, die Lücke zwischen Mensch und Natur zu schließen. Vielleicht ist es unmöglich. Aber ich kann den Fokus öffnen für unser Bedürfnis, in Beziehung mit der Natur zu stehen“. Fundstücke verändert er nicht. Seine künstlerische Arbeit bestehe daraus, Erfahrungen, die er im Wald mache, zu kommunizieren. Der Kuratorin Dr. Katrin Hippel gelang es, einige seiner bekanntesten ins Museum zu holen. Dazu zählt die Bodeninstallation „Rosa damascena“, ein kreisrundes Arrangement aus Blütenknospen, das unter anderem 2014 im Stedelijk und später bei der Biennale in Venedig zu sehen war. Auch das „rasenstück“ von 2010 gelangte in die Ausstellung. Gerahmt in schlichtem Holz zeigt die Arbeit gepresste Gräser und Wildkraut im natürlichen Zusammenspiel. Wer dabei nicht automatisch an Dürers berühmtes Aquarell „Das große Rasenstück“ denkt, den stupst der Katalogtext an: Derselbe Wahrheitsanspruch an das Motiv, jedoch lasse de vries den Zwischenschritt des Motivs aus. Die gestaltende Kraft der Natur erfährt durch ihn keine künstlerische Transformation.

Ganz anders positionieren sich die Briten Alastair Mackie und Bethan Huws. Heute wissen wir, dass Ozeane, Luft und Festland und alle Lebewesen der Erde durch eine Vielzahl von Verbindungen miteinander in Beziehung stehen. Es sind komplexe Systeme, die wir in ihrer Gesamtheit bislang nicht erfassen. Ein minimaler Eingriff könnte alles zerstören. Was für die organische Welt gilt, sei auf unsere mathematischen Systeme übertragbar. Zur Verdeutlichung schleift Mackie Sepiaschalen zu Rhomben. Bis alle exakt dieselbe Seitenlänge und Höhe besitzen. Danach ordnet er die auf ihren Kern reduzierten Körper seiner Vorstellung gemäß aneinander – wie im „Complex System 123 & 124“, einem faszinierend ästhetischen Werk. Auch Bethan Huws entnimmt der Natur Fundstücke, die sie dann nach Art der Readymades in ungewöhnlichen Konstellationen präsentiert. So hängt die in Berlin lebende Künstlerin Miesmuscheln an einen Zweig Buche, der im Englischen beech heißt. Daraus wird „Mussels on a beach“. Worte wie Zahlen treten als Mittler zwischen uns und der Natur auf. Aus diesen Zeichen konstruieren wir Sinn oder Irrsinn.

Das letzte Wort soll hier die Natur haben. Wobei die zwanzig Werke in der Ausstellung keine Reihenfolge oder Gewichtung vorgeben. Aber Besucher enden in einem Kabinett mit Arbeiten von David Nash. Von dort heißt es, umkehren und zurück zum Anfang. Der Brite sieht sich in der Tradition der Land Art. Holz spielt eine zentrale Rolle bei ihm. Für seine Skulpturen fällt kein Baum. Vielmehr lässt er die Natur selbst walten und bedient sich an herumliegendem Material. Formende Kräfte geben dem mit der Kettensäge Gestalt – so geschehen beim „Embedded Cube“. Durch Verkohlen änderte der Bildhauer Farbe und Substanz des Kubus. Pflanzliches wurde zum Mineral. Den abschließenden Beitrag zu seiner Kunst liefert jedoch meist die Natur mit ihrer gewaltigen Kraft. Sie zieht daran, dehnt sich, reißt. Im schlimmsten Fall kippt etwas.

Raum mit Arbeiten von herman de vries © Museum Kunst der Westküste
Fotos: Pure Nature Art 2017 © Museum Kunst der Westküste, Alkersum / Föhr

Alkersum/Föhr „Pure Nature Art – Naturmaterialien in der zeitgenössischen Kunst“, Museum Kunst der Westküste bis 7. Januar 2018, www. mkdw.de. Und vom 4. März bis 3. Juni im Museum Villa Rot, Burgrieden-Rot.

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