Grunenberg vor Balloon Dog

Ikonen und Icons – zu sehen in der Kunsthalle Bremen

Der nachfolgende Bericht über die Ausstellung „Ikonen – was wir Menschen anbeten“ in der Kunsthalle Bremen entstand im Auftrag der Kunstmarktzeitung „Kunst und Auktionen“. Veröffentlicht wurde er am 7. Februar 2020 im ZEITVERLAG Gerd Bucerius GmbH & Co KG, Hamburg.

Wandfarben, Möblierung, Abfolge und Anordnung – bei dieser Ausstellung zählt alles, jedes noch so kleine Detail. Rund zehn Jahre lief die Planung dafür.

Ikonen – was wir Menschen anbeten“ will die Macht der Kunst demonstrieren: „Die Kunst kann uns etwas Besonderes liefern, was uns sonst nichts liefern kann. Das ist der Kern dieser Ausstellung“, lockt Christoph Grunenberg in seine Kunsthalle. Für seine ganz auf das einzelne Werk konzentrierte Inszenierung lagerte er Teile ihrer Sammlung aus. Der Rest kam ins Depot. So konnten alle Räume von ihm und Ko-Kuratorin Eva Fischer-Hausdorf komplett neu bespielt werden. Das hätte es weltweit so noch nie gegeben, unterstreicht der Direktor die Sonderstellung seiner Schau. Er empfängt uns in der Halle gleich hinter dem Foyer vor einem raumhohen, vollständig in Gold ausgekleideten Verschlag. In ihm soll der schwer krebskranke US-Künstler James Lee Byars 1994 seinen eigenen Tod inszeniert haben. Kristalle markieren die einstige Position seiner Füße, Arme und des Kopfes. Das Werk gilt als Meilenstein moderner Kunstgeschichte. Von ihm geht eine spirituelle Kraft aus, die zur Andacht verleitet. Darin sehen die Kuratoren eine Parallele zum Urtypus aller Ikonen. Rund sechzig solcher Andachtsräume erwarten uns. In jedem befindet sich meist nur ein Werk. Vieles aus den neun Jahrhunderten westlicher Kunstgeschichte ist bekannt. Neu erzählt wird sie durch die Verbindung zu Spiritualität, Andacht und Ehrfurcht.

Ausgangspunkt ist eine russische Ikone aus dem 16. Jahrhundert. Sie zeigt das Antlitz Christi auf einem Tuch. Es wird von zwei Engeln gehalten. Hintergrund ist die im Mittelalter sehr populäre Legende über König Abgar. Dieser erhoffte sich durch Jesus von Nazareth Heilung. Jesus kam nicht, sandte dem König jedoch angeblich ein Tuch mit dem Abdruck seines Gesichtes. Später sagte der Volksglaube dieser Leinwand Wunderkraft nach. „Sie wurde verehrt, sie wurde angebetet, sie war wundertätig“, holt Grunenberg aus: „Aber das Wichtigste war, man glaubte an die Präsenz Gottes in diesen Werken.“ Bei jeder Berührung übertrug sich das Bild scheinbar selbsttätig auf andere Materialien. Nach immer gleichem Kompositionsschema entstanden hundertfach Reproduktionen – ein Effekt, der uns an Mona Lisa erinnert, deren ikonisches Bildnis in vierfacher Ausführung im Erdgeschoss der Kunsthalle hängt. Der Legende nach ging die spirituelle Kraft des Originals auf alle über. Aus diesem Grund, aber auch um nicht gegen das zweite Gebot des Christentums zu verstoßen, deklarierten die Macher ihr Werk als Mandylion, als nicht von Menschenhand gemachtes Bild des Gottessohnes.

Mit dem 16. Jahrhundert brach in der westlichen Welt die große Zeit der Kunst an. Spätestens mit der Aufklärung löste sie sich von der Kirche. Zu diesem Zeitpunkt, erfahren wir aus Grunenbergs Beitrag für den Katalog, entstand das Museum als Zufluchtsort und Oase. Kunst sei nach und nach zur Ersatzreligion avanciert. In Erwartung geistiger Erfüllung sowie einer Antwort auf die großen Fragen des Lebens, pilgerten Menschen dorthin. Für das Kapitel „Die Ikone und die Folgen – wie das Göttliche sich zeigt“ versammelte er Werke von Katharina Fritsch, Bill Viola, Damian Hirst und dazu die Romantiker wie Caspar David Friedrich und William Turner. Daran schließen sich „Schöpfer, Heilige, Schamanen“ an. Mit dem modernen Menschenbild verblasste die Vorstellung, Gott führe die Hand eines Künstlers. Stattdessen sahen sich Kunstschaffende selbst als göttliche Schöpferfiguren. In ihrer Rolle als Genies, Wahnsinnige wie Vincent van Gogh oder Kündende wie Joseph Beuys fühlten sie sich zur Kunst berufen, traten wie Heilsbringer auf oder stellten den schöpferischen Akt in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Auch die Abstraktion eröffnete Künstlern wie Piet Mondrian oder Wassily Kandinsky einen neuen spirituellen Zugang. An den Nullpunkt dieser Entwicklung setzten die Kuratoren Kasimir Malewitschs „Schwarzes Quadarat“. Dessen erste Fassung hing 1915 bei einer Ausstellung in St. Petersburg auf dem traditionellen Platz für Ikonen.

Eine Ebene darunter, im Erdgeschoß des Museums, begegnet uns Malerei von Mark Rothko, Yves Klein und Gerhard Richter. Sie lädt zum „Eintauchen in das Bild. Wahrnehmung als Erleuchtung“. Ihr gegenüber gruppiert sich alles um den glänzend rotlackierten „Balloon Dog“ von Jeff Koons. Thema ist „Anbetung. Ironisierten Ikonen, Readymades, Starkult“. Exkurse zu Phänomen aus dem Alltagsleben verdeutlichen die inflationäre Verwendung des Begriffs Ikone. Er blähte sich auf. Heute verdeckt seine Worthülle nicht selten bloß heiße Luft. „Große Teile der Kunstproduktion des 20. und 21. Jahrhunderts“, kritisiert Grunenberg im Katalog diese Entwicklung, „können nur mit einer kapitalen Glaubensinvestition als bedeutungsvolle Kunst angesehen werden“. Bevor er uns verlässt, empfiehlt er „The Forty-Part Motet“ von Janet Cardiff, eine Inszenierung des gesungenen Worts. Die Arbeit der Kanadierin illustriert das Kapitel „Undarstellbarkeit. Wort und Leere“ der Ausstellung. Sie wie auch Rosemarie Trockel oder Joseph Kosuth nehmen eine Kunsttradition auf, die schon in der Religion verhandelt wurde als es hieß: „Du sollst Dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen“. Ihre Arbeiten finden wir im obersten Stockwerk. Damit sind sie dem Himmel am nächsten.

Bis 1. März 2020 in der Kunsthalle Bremen. Der Katalog kostet 39,90 € und ist erschienen im Hirmer Verlag. Mehr unter:  
www.kunsthalle-bremen.de

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panama

das; Abk. f. Panorama (griech.). Unter diesem Namen postet Daniela Mett vermischte Nachrichten aus der bewohnten Welt des Nordens bis hoch nach Tromsö. Die ausgebildete Magazinjournalistin berichtet frei und unabhängig. Sie hat sich in 30 Berufsjahren spezialisiert auf Reportagen und Interviews.