Rohstoff für bildstarke Reportagen

Das Kunstmuseum Wolfsburg blickt auf das Jahr 1968 durch die Kamera des Fotoreporters Robert Lebeck.

Der nachfolgende Ausstellungsbericht entstand im Auftrag der Kunstmarktzeitung „Kunst und Auktionen“. Veröffentlich wurde er am 7. September 2018 im ZEITVERLAG Gerd Bucerius GmbH & Co KG, Hamburg.

Mit sicherem Gespür für Augenblicke und Situationen lieferte Robert Lebeck (1929-2014) dem Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr als einer von 14 festangestellten Fotoreportern des Stern zuverlässig viele Jahre lang Material. Allein 1968 schickte ihn die Redaktion 24 Mal hinaus in die Welt: Er flog in die USA zum Vorwahlkampf von Richard Nixon, er begleitete Rudi Dutschke nach Prag und gehörte zur Entourage, die Papst Paul IV. nach Südamerika begleiten durfte. „Nicht selten hatte Robert zwanzig bis fünfundzwanzig Doppelseiten im Stern“, sagte seine Ehefrau Cordula Lebeck auf der Pressekonferenz zur aktuellen Wolfsburger Retrospektive.

Nur ein Bruchteil seiner rund neuntausend Motive, die Robert Lebeck 1968 im Pressehaus ablieferte, schaffte es in den Stern. Die Fotos galten in der Redaktion als Rohstoff für bildstarke Reportagen, die zusammen mit dem Manuskript eines schreibenden Kollegen die gewünschte Geschichte ergaben. Mitunter kam es aber vor, dass Text und Bild in verschiedene Richtungen zu laufen drohten. Dann wurden die eingelieferten Fotos nachträglich bearbeitet, zusätzliche Abbildungen von Agenturen aufgekauft oder passendere Arbeiten im Verlagsarchiv gesucht. Und wenn alles nichts half, lenkte die Schlussredaktion die Bildaussage eben mit einer schmissigen Unterschrift ins rechte Licht. Lebeck hatte darauf  keinen Einfluss. Jedes zweite Thema, für das er losgeschickt wurde, kam ohnehin nie ins Heft – das zeigt uns die Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg.

Aber Manipulationen am Bild ist nicht der Aufhänger der Schau. Auch die Frage, ob Motive eines Bildreporters ins Kunstmuseum gehörten, stellte sich für dessen

Eingang zur Ausstellung mit Fotos von Robert Lebeck

Direktor Ralf Beil nicht. Die Überlegung sei überholt, konterte er auf Nachfrage. Lebecks Fotos seien „Zeitdokumente von hoher visueller Ausstrahlung“. 110 UV-Inkjet Drucke wurden eigens für diese Ausstellung hergestellt. Als Dokumente für das Spannungsverhältnis zwischen Zeitgeschichte, Bildjournalismus und Fotografie gehen sie später in die Sammlung des Kunstmuseums über.

Den Anstoß zur Ausstellung gab das Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation der Stadt Wolfsburg. Dessen Mitarbeiter Alexander Kraus war bei Recherchen im hauseigenen Archiv nämlich auf einen Stern-Bericht über das dreißigjährige Stadtjubiläum gestoßen, der mit Fotos von Lebeck illustriert war. Er nahm Kontakt auf zu Cordula Lebeck, die den Nachlass des Fotoreporters verwaltet und erfuhr von ihr, dass sich im Archiv noch viele weitere, unveröffentlichte Motive befänden. Denn die Stern-Redaktion hatte den Fotoreporter mehrmals nach Wolfsburg entsandt: Er porträtierte dort Arbeiter im VW-Werk, fotografierte im April bei der Beerdigung des VW-Generaldirektors Heinrich Nordhoff und inszenierte zur Markteinführung des VW-Modells 411 ein Aufmachermotiv für den zugehörigen Bericht.

In der Schau sind die Original-Kontaktbögen und die im Stern publizierten Fotostrecken nun erstmals vereint – alle veröffentlichten wie unveröffentlichten Ansichten Lebecks von Wolfsburg also. An der Art, wie er fotografierte, zeigt sich sein unvoreingenommener Blick. Das macht seine Fotos so wertvoll für die Stadt. Denn er suchte damals nicht nach Motiven, die seine Meinung oder die der Redaktion illustrierten, sondern war offen für das, was sich ihm vor seiner Kamera darbot. Diesem Aspekt spürten die Ausstellungsmacher dann auch in anderen Fotoreportagen von Lebeck aus dem Jahr 1968 nach – und wurden fündig.

Zur Lokalgeschichte gruppieren sich daher in der Schau sieben weitere Kapitel mit Aspekten der Zeitgeschichte. Da sie chronologisch gehängt wurden durchlaufen Besucher das Jahr 1968 in der Reihenfolge ihrer Aufnahme.

Auch wenn Robert Lebeck der Ansicht war, das Jahr der Studentenunruhen habe ohne ihn stattgefunden, sind in seinen Fotos doch Themen präsent, die in keiner Chronik der Bundesrepublik fehlen würden: die weltweiten Proteste gegen Herrschaftsstrukturen, die Ermordung Robert F. Kennedys, das Auftreten von Joseph Beuys, die Emanzipationsbewegung der Frauen oder das durch Günter Wallraff angestoßene, mediale Interesse am Leben Unterprivilegierter.

1968 sei nicht zuletzt das Jahr massiver Mediatisierung gewesen, schreibt Ralf Beil am Ende seines Vorwortes zum Katalog – und führt in diesem Zusammenhang die Beerdigung Robert Kennedys an. Allein für den Stern wurden aus diesem Anlass, wie Robert Lebeck in seinen Lebenserinnerungen erwähnt, „3.184 Negative entwickelt, 258 Funkbilder empfangen, 47 Telefongespräche zwischen Hamburg und Amerika geführt, 72 Fernschreiben gewechselt und 38.800 Flugkilometer zurückgelegt“.

Wolfsburg „Robert Lebeck. 1968“, Kunstmuseum bis 22. Juli 2018, www.kunstmuseum-wolfsburg.de. Katalog, gestaltet von Cordula Lebeck, Steidl Verlag (45€).