Katrin Kolbe / BEI e.V.

In Zukunft nachhaltig – Katrin Kolbe fordert Konzepte zur Einhaltung der Agenda 2030

Erstellt Ende Oktober im Auftrag der Redaktion „woman in the city“, Verlag magz medien, Laboe. Abgedruckt in Ausgabe Nr 6/2019.

Umweltschutz, Armutsbekämpfung, globale Gerechtigkeit – jede Generation entdeckt diese Themen für sich neu. Etwas aber ändert sich. Nur was? Katrin Kolbe muss das wissen. Sie arbeitet mit den Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen, festgehalten 2015 in der Resolution der UN Generalversammlung.

Ein Jahr nach ihrem Magister an der Christian-Albrechts-Universität stieg Katrin Kolbe 2012 beim Verein Bündnis Eine Welt in Schleswig-Holstein ein. Heute ist sie dessen stellvertretende Geschäftsführerin. Als Dachverband entwicklungspoli­tischer Organisationen vertritt der BEI e.V. über hundert Mitglieder − vom Weltladen im Knooper Weg bis zur Stiftung Landesmuseen auf Schloss Gottorf.

Am Klima-Streik nahmen deutschlandweit zuletzt mehr als eine Million Menschen teil. Auch Katrin Kolbe ging in Kiel auf die Straße. „Die letzte große Klimademo hat mich bewegt. Menschen aller Generationen schlossen sich der Freitagsdemonstration von Schülerinnen und Schülern an. Vom Rathausplatz bis hinauf zu unserer Geschäftsstelle zog sich der Zug. Das Sophienblatt war voll mit Menschen“, berichtet sie erfreut.

Immer mehr Menschen machen mit

Hat der Erfolg der Fridays for Future Bewegung sie überrascht?Katrin Kolbeverneint: „Schon länger stellen wir bei unserer Arbeit fest, dass das zivile Engagement wächst, nicht allein für Klimaschutz, sondern insgesamt für Nachhaltigkeitsziele. Da öffnen sich Sportvereine für Menschen mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus. Jüngere tun sich spontan zu  Aktionsgruppen zusammen. Bei uns hat sich die Art der Kooperationspartner verändert“. Sie zeigt auf das Foto eines Gebäudes am  Theodor-Heuß-Ring, der als Kiels Schadstoff-Hotspot Schlagzeilen machte. „Mit der AWO Kiel realisierten wir dieses Wandbild zur Nachhaltigkeit. An den Ideen für das Motiv beteiligten sich Seniorinnen und Senioren aus dem Servicehaus am Lübscher Baum. Diese Generation bringt eine andere Perspektive mit. Die ist für uns unverzichtbar.“

Regierung muss Agenda umsetzen

Die 17 Entwicklungsziele der Agenda 2030, die SDGs, ergeben einen bunten Strauß wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Themenfelder, die alle gleichermaßen berücksichtigt werden müssen. Nur so lässt sich echte Nachhaltigkeit erreichen. Durch Unterzeichnung hat sich Deutschland zur Umsetzung verpflichtet. Bis hinunter zu den Kommunen sind alle Ebenen gefordert, Strategien zu entwickeln. Vier Jahre regte sich wenig. Daher lud das Bündnis Eine Welt e.V. mit seinen Kooperationspartnern  Ende August zum Bürgerdialog über die Nachhaltigkeitsziele in den Landtag. Was ergab sich aus der Halbzeitbilanz unserer Landesregierung?

Katrin Kolbe macht eine Pause bevor sie darauf antwortet:  „2020 will die Jamaika-Koalition den ersten Nachhaltigkeitsbericht vorlegen. Wir sind sehr gespannt, was darin steht. Bisher gibt es nur ein  Indikatorenset, aber keine konkreten Ziele, keine Maßnahmenpläne und erst recht kein Budget, um irgendwas umzusetzen.“ Das erscheint absurd. Demnach wird bereits gezählt, gemessen und gewogen, ohne dass es einen Plan gibt, was das Ganze soll? Sie bemerkt, dass sie etwas weiter ausholen muss: „Als Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft wurden wir zum Workshop mit der interministeriellen Arbeitsgruppe eingeladen. Dabei legte eine auswärtige Agentur Vorschläge für Indikatoren zum Handlungsfeld 8 vor. Das ist das Sondervorhaben „Globale Verantwortung“.

Indikatoren sollen Erfolge belegen

Sie holt tief Luft. „Wir sollten die kommentieren. Gewundert hat uns, dass man jemanden ohne Bezug zu Schleswig-Holstein beauftragt. Unsere Vorschläge wurden auch nicht wirklich aufgenommen. Trotz massiver Kritik schaffte es der Indikator „Studierende mit ausländischer Staatsangehörigkeit“ in die Veröffentlichung. Dabei kritisiert die Zivilgesellschaft seit langem, dass die Länder ihre Förderung für ausländische Studierende anrechnen an die Summe, die sie für öffentliche Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung stellen. Einen Österreicher oder Dänen in Schleswig-Holstein kostenfrei studieren zu lassen, ist keine Entwicklungshilfe und zeugt nicht von globaler Verantwortung!“ Ein Blick in das Papier von 2018 gibt ihr Recht. Auch finden wir darin Indikatoren gelistet, auf die das Land gar keinen Einfluss nehmen kann. Oder wie will es den Einzelhandel dazu bringen, Fair Trade Produkte ins Sortiment zu nehmen? Katrin Kolbe bestätigt: „Die Initiative für Fair Trade Städte entstand aus der Zivilgesellschaft heraus. Das ist nichts, was von der Landespolitik initiiert wurde. Sie ist ja nicht involviert in diese Prozesse. Man müsste eher schauen, wo sind die Kompetenzen des Landes? Wo setzen wir Schwerpunkte und wo sehen wir Möglichkeiten, auf Entwicklungen Einfluss zu nehmen.“

Sie macht weiter Druck

Wenige Tage nach dem Bürgerdialog im Landtag lief ihr Projekt „Nachhaltigkeit von Küste zu Küste“ aus. Ein Folgeprojekt wurde bereits bewilligt. Es trägt den Titel  „SDGs auf dem Prüfstand“ und läuft bis 2022. Die Mittel kommen u.a. von BINGO! Projektförderung und „Engagement global“, der Durchführungsorganisation vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Das Projektteam hat sich zum Ziel gesetzt herauszufinden, wo Zielkonflikte liegen, in der Agenda selbst, aber auch in Schleswig-Holstein. Wobei für Katrin Kolbe eines schon klar ist: „Wenn wir das Weltwirtschaftssystem nicht verändern, werden wir die Ziele nicht erreichen. Ich sehe das Problem eher dort als bei den Politikerinnen und Politikern. Die wagen keine Schritte, für die wir unseren Lebensstil komplett ändern müssten. Wenn wir die SDGs  ernst nehmen, müssen wir an diese Strukturen ran. Dass schwere gesellschaftspolitische Entscheidungen anstehen ist klar. Aber wir können uns vor der Verantwortung nicht drücken.“

Bündnis Eine Welt e.V. Schleswig-Holstein Dachverband für entwicklungspolitische Organisationen, gegründet 1994. Aktuell ca. 20 Mitarbeiter (m/w). Angeboten werden u.a. Starthilfe und Beratung für Aktionsgruppen. Mitgliedschaft für Einzelpersonen, Organisationen und Initiativen. Mehr unter: www.bei-sh.org oder Tel. 0431 67 93 99 00.

Wandbild Theodor-Heuß-Ring, Kiel
Wandbild am Theodor-Heuß-Ring, Kiel. Copyright: Frauke Pleine, BEI e.V. 2019

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panama

das; Abk. f. Panorama (griech.). Unter diesem Namen postet Daniela Mett vermischte Nachrichten aus der bewohnten Welt des Nordens bis hoch nach Tromsö. Die ausgebildete Magazinjournalistin berichtet frei und unabhängig. Sie hat sich in 30 Berufsjahren spezialisiert auf Reportagen und Interviews.