High quality, low impact Lifestyle − Ein Wegbereiter für den Wandel

Ralf Boje plant ein urbanes Ökodorf. Anfang des Jahres bot er in der Thinkfarm der Alten Mu Workshops für Gründungs-Interessierte. Auf dem Gelände des Kieler Kreativzentrums sind bereits 60 Projekte zu Hause, darunter welche, die Bojes Traum von einem Weg in die enkelgerechte Zukunft schon sehr nahe kommen. Hier keimte seine Idee für ein gutes, buntes Leben und Miteinander. Bei regelmäßigen Treffen plant der harte Kern um den Changemaker nun die ersten Schritte.

Erstellt Ende Mai im Auftrag der Redaktion „woman in the city“, Verlag magz medien, Laboe. Abgedruckt in der Sommerausgabe 2018.

Er stellt Stühle im Kreis auf, baut aus der Getränkekiste vor sich flink einen Tisch und legt darauf mehrere Fasermaler und eine Rolle Kreppband. Von der wird sich später jeder einen Fetzen als Namensschild abreißen. Ralf Boje ist ein trainierter Raumhalter. Mehr braucht er nicht. Gut dreißig Jahre Berufserfahrung hat er als Bildungsreferent in der Erwachsenenbildung. Während der kommenden zwei Stunden setzt der Diplom-Pädagoge behutsam die Themen, führt Methoden ein und hält den Kontext. Aber nicht als allwissende Autorität sondern als Navigator, der sicherstellt, dass die Treffen nicht im fruchtlosen Chaos vager Ideen enden. „Ökodorf in Kiel und umzu“ lautet ihr Thema.

Warum macht er das? Und was bedeutet „umzu“? „Ich will mich nicht im Wald verstecken, ich will etwas verändern“ – so wird Ralf Boje im Netz zitiert. Das klingt nach einem Lebensmotto. Andere ziehen sich aus Frust über scheinbar unabwendbare Krisen ins Private zurück. Er dagegen geht hinaus, wird aktiv. Passend dazu lautete damals sein Status „Herumreisend, am ehesten sesshaft in Hannover“.

Erinnert er sich daran, was ihn einst angetrieben hat? „Sehr gut sogar! Es begann während meiner Schulzeit. Damals machte der „Bericht zur Lage der Menschheit“ von Meadows die Runde. Darüber wurde sehr kontrovers diskutiert“. Verschiedene Szenarien in dieser Studie sagten einen Zusammenbruch des Weltsystems bis zum Jahr 2100 voraus. Technische Lösungen allein könnten das nicht verhindern, lautete deren Schlussprognose. „Als das Buch erschien“, fährt Ralf Boje fort, „waren technische Lösungen nicht in Sicht. Solarwärme, Solarstrom, Energie aus Biogas- und Windkraftanlagen – Ideen gab es, aber es fehlten wichtige Erfindungen und Wirtschaftsgüter, die man dafür sofort hätte einsetzen können. Seitdem sind gut dreißig Jahre vergangen, die Welt hat sich weiterentwickelt, und ich habe mich in ganz unterschiedlichen Bereichen unter anderem dem Klimaschutz und dem Lernen für ein gutes Zusammenleben gewidmet.“

Als Mitbegründer der Transition Town Initiative Hannover setzt er sich für Wandel ein in der Gesellschaft. Er wird aktiv im Netzwerk Solidarische Landwirtschaft und organisiert Zusammenkünfte, Konferenzen und Demonstrationen. In den vergangenen drei Jahren war er auf Reisen, auf der Suche nach der Vision einer komplett neuen, durch Nachhaltigkeit geprägten Lebensweise. Und angetrieben von dem Gedanken, dass wenige Symbole des Wandels nicht ausreichen. Dazu besucht er bereits existierende Projekte, lebt als Gast einige Tage, manchmal Wochen in deren Gemeinschaft, um danach zur nächsten zu ziehen.

Die Vielfalt alternativer Projekte ist groß. Je nach Visionen und Gründungsimpuls unterscheiden sie sich. Das Spektrum reicht von großen Ökodörfern bis zu reinen Wohnprojekten. Einige Kommunen erwarben ein Stück Land, auf dem Siedlungen errichtet wurden. Andere bewohnen alte Höfe, Landgüter, Burgen oder Schlösser, oft in Gegenden, die von Landflucht gekennzeichnet sind. Dort entstanden eigene Betriebe, in denen die Bewohner sich und die Region mit Lebensmitteln versorgen. Es gibt Werkstätten, in denen neue Herstellungsweisen erprobt werden, und Firmen, die dafür Software entwickeln.

Am Ende seiner Reise stand für ihn fest:

„Ich will eine Lebenswirklichkeit schaffen, in der ich mich selbst wohl fühle“, erklärt Ralf Boje und führt aus: „Das was ich mit „Ökodorf“ meine, ist ein soziales Gebilde. Dies ist nicht zwingend gleichzusetzen mit einer Burg oder einem Dorf, obwohl es sich darin sicher sehr schön wohnt. Ein soziales Gebilde kann ich überall schaffen. Mir geht es um ein nachhaltiges Miteinander, eine Lebensgemeinschaft, die durch Gemeinschaftsprozesse bewusst gestaltet wird“. Dahinein lenkt er seine Energie. Damit ihr Ökodorf einen stabilen inneren Kern bekommt, in dem Kommunikation gewaltfrei und auf Augenhöhe läuft. „Solche Strukturen finden wir in der Gesellschaft selten. Deshalb muss man das üben und das tun wir aktuell, beim regelmäßigen Sonntagsfrühstück und in unseren Planungsrunden.“ Darüber hinaus schwebt ihm eine Stadt-Land-Kooperative vor, die im Verbund mit kleinen Inseln der Umgebung („umzu“ heißt das übrigens in Niedersachsen) eine neue soziale Realität schafft.

Eines Tages hätte er auf seiner Tour durch Deutschland die Ostseeküste erreicht und gewusst: Das ist es. Hier will ich bleiben. Und Kiel? „Kiel“, ergänzt Ralf Boje lächelnd, „kommt mir vor wie Hannover nur mit Hafen. Im bundesweiten Vergleich ist die Alte Mu ein Sahneding in Sachen Nachhaltigkeit. Hier gibt es gemeinsame Aktivitäten, einen Coworking-Space und mit den Schinkeler Höfen eine gut funktionierende Solidarische Landwirtschaft“. Die Idee eines Ökodorfes in Kiel und umzu dagegen steht noch ganz am Anfang. Aber sie reift − entlang der Leitsätze des Global Ecovillages Network:

Be the change you want to see in the world. Find your own way to a high quality, low impact lifestyle.

 

 

 

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