Ausstellungssaal mit Gemälden Max Liebermannsim Museum Kunst der Westküste

Es grüßt die friesische Freiheit

Der nachfolgende Ausstellungsbericht entstand im Auftrag der Kunstmarktzeitung „Kunst und Auktionen“. Veröffentlicht wurde er in leicht veränderter Fassung am 4. Oktober 2019 im ZEITVERLAG Gerd Bucerius GmbH & Co KG, Hamburg.

Zehn Jahre besteht das gemeinnützige Stiftermuseum MKdW (Museum Kunst der Westküste) in Alkersum auf der Nordseeinsel Föhr. Und zu seinem Jubiläum zeigt es bis zum Jahresende 150 Meisterwerke aus dem Zeitraum 1830 bis 1930 – von der Romantik bis zur Moderne.

Zwei Drittel davon stammen aus dem eigenen, rund 800 Arbeiten umfassenden Bestand, der sich seit der Eröffnung nahezu verdoppelt hat. Die übrigen Meisterwerke zum Generalthema „Meer und Küste“ sind Leihgaben diverser Museen und privater Sammler. Separat dazu bekommen Besucherinnen und Besucher per Video Hinweise auf das museale Begleitprogramm. Darin verpflichtete sich das Museum, den Dialog mit zeitgenössischen Künstlern zu fördern, ihre Positionen zu sammeln und auszustellen. Konkret erfahrbar wird das in der gerade parallel laufenden, kleinen Schau „Contemporary“ mit Werken der Fotokünstlerinnen Mette Trondvoll, Anja Jensen und Ellen Kooi sowie ihrem dänischen Kollegen Joakim Eskildsen.

Die Schirmherrschaft für die Jubiläumsausstellung „10 Jahre MKdW – Meisterwerke“ übernahm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier,
der sich unter dem Motto „Land in Sicht – Zukunft ländlicher Räume“ seit seinem Amtsantritt wechselnden Regionen Deutschlands zuwendet. Damit würdigt er die positive Wirkung des Museums – weit über Nordfriesland hinaus.

Die Friesen waren aufgrund ihrer guten, nährstoffreichen Böden, des Fischfangs und internationalen Handels einst ein reiches Volk. Ihr Siedlungsraum reichte von Brügge im heutigen Belgien entlang der
Nordseeküste bis hoch nach Rybe in Dänemark. Die belgische Revolution von 1830 trennte den Süden dann von den protestantischen Nordprovinzen ab. Jahrzehnte darauf setzte dort eine Abwanderungswelle ein. Auf der Suche nach Verdienstmöglichkeiten verließen viele junge Menschen Friesland. Mittlerweile hat die Bevölkerungszahl dort um zwei Drittel abgenommen. Zuletzt nagten auch noch Globalisierung und Digitalisierung am Profil der Region.

Dem wollte Frederik Paulsen, Alleinaktionär des multinationalen Pharmakonzerns „Ferring“ und Nachfahre einer einst auf der Insel Föhr beheimateten Familie, mit seiner Gründung des MKdW etwas entgegensetzen. Zuletzt allerdings stand er wegen angeblicher Bestechung und Steuerhinterziehung über Monate im Fokus der Schweizer Presse – Beweise für eine Straftat ergaben sich allerdings nicht. Paulsen tritt als Förderer und Stifter zahlreicher Bildungseinrichtungen auf – unter anderem in Kiel, in der Schweiz (wo er aktuell lebt), in Russland und Bhutan. Durch die „Paradise Papers“ wurde 2017 bekannt, dass der Multimilliardär den einstigen Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins – kaum war der ein halbes Jahr aus dem Amt ausgeschieden – mit gut bezahlten Posten betraute: Als Direktor eines holländischen Unternehmens hatte sich Peter Harry Carstensen unter anderem um den Betrieb des MKdW zu kümmern. Strafbar war auch das nicht, sorgte aber für eine Debatte im schleswig-holsteinischen Landtag und warf einen Schatten auf die mit öffentlichen Mitteln geförderte Museumsgründung.

Dank freiem Eintritt für alle Besucher unter 18 Jahren besuchen auch Kindergartengruppen und Schulklassen von den umliegenden Inseln und dem nahen Festland die wechselnden Sonderschauen – 75 waren es bisher. „Mit der aktuellen Ausstellung“, erklärt die Direktorin Ulrike Wolff-Thomsen, „verfolgen wir das Ziel, die Gemälde, die von Dahl, Liebermann, Munch, Mondrian oder Krøyer geschaffen wurden, neu zu befragen und unter Heranziehung ausgewählter Leihgaben aus bedeutenden Sammlungen ikonografische Besonderheiten herauszuarbeiten“. Beispielsweise entdeckten die Künstler Christian Krohg sowie Anna und Michael Ancher in den Kindern der Fischer früh ein ungenutztes Bildmotiv. Meisterwerke Max Liebermanns thematisieren seine Künstlerfreundschaft zu Jozef Israëls, dem Kopf der sogenannten Haager Schule. Und anhand der Strandansichten von Malern der Künstlerkolonie Skagen lässt sich ein Bedeutungswandel der Küstenregion erkennen – weg vom strapaziösem Arbeitsplatz rauer
Fischer, hin zum Sehnsuchtsort von Städtern. Aber es sind inszenierte Idealbilder, keine authentischen Zeugnisse der Vergangenheit. Manche Maler brachen auf der Suche nach Inspiration auch in den Süden auf – Künstlerreisen dieser Stoßrichtung sind bekannt. Aber wussten Sie von Otto Muellers Fahrten nach Föhr? Seine Schwester Elfriede war Ehefrau des Nieblumer Gastwirts…