Ausbildungswunsch Therapeut? Fehlanzeige!

Die Zahl der Therapieschüler nimmt rasant ab. Als Grund werden die immensen Kosten für die Ausbildung genannt, die von angehenden Therapeuten selbst zu tragen sind. Doch das allein ist nicht der Grund. Die Branche steht vor einer neuen Entwicklungstufe: der Akademisierung der Gesundheitsfachberufe.

Erstellt Juli 2017 im Auftrag der Redaktion „up – unternehmen praxis“, Verlag Buchner & Partner, Kiel.

Etwas ändert sich. Hundert Mal mehr Bewerber statt freie Plätze, so sah die Ausbildungssituation bei den Therapeuten Mitte der Neunziger in Deutschland aus. Heute, einen Monat vor Beginn des Schuljahres 2017/18, melden die Berufsfachschulen hunderte freier Plätze – trotz Frühbucherrabatt, trotz großformatiger Anzeigen in Tageszeitungen.

Ihnen gehen allmählich die Schülerinnen und Schüler aus. Und, nein, hier zeigt sich kein regionales Phänomen oder ein Imageproblem einzelner Bildungsträger. Es sind weitere Boten des Fachkräftemangels im sozialen Sektor, die allein durch eine Reform der Pflegeberufe nicht aufzuhalten sein werden. Das gesamte Feld der Gesundheitsfachberufe kämpft gegen sinkende Attraktivität. Mittendrin die Heilmittelerbinger. Längst übersteigt die Nachfrage nach ihnen das Angebot: Stellenangebote für Physiotherapeuten, die hänge sie nicht mehr aus, berichtet die Sekretärin der Kieler Lubinus Schule. Dafür reiche der Platz am Brett nicht. Man lege sie nunmehr in Ordnern ab.

Ende Juni 2017 verschafften sich daher rund dreitausend Therapeuten in Berlin vor dem Reichstag mit einer Demonstration Gehör. Sie forderten eine sofortige Vergütungsverbesserung inklusive Wegfall des Schulgeldes sowie der Einführung einer Ausbildungsvergütung. Rund 87 % der in Ausbildung befindlichen Heilberufsanwärter erhalten eine Ausbildungsvergütung oder dürfen kostenlos studieren. Das sind unter anderem die künftigen Mediziner sowie Pflegekräfte. Heilmittelerbringer dagegen sind zusammen mit den Diätassistenten und den veterinärmedizinisch-technischen Assistenten die einzigen, die ihre Ausbildung in Form von Schulgeld aus eigener Tasche finanzieren müssen.

Dabei variieren die Kosten der Berufsausbildung für Therapeuten erheblich. An öffentlichen Schulen fällt in der Regel kein Schulgeld an, höchstens Kopier- oder Skriptgeld. Jedoch gibt es von ihnen nur wenige, im Flächenland Schleswig-Holstein zum Beispiel nicht eine.

Bei den Privaten summieren sich die Fixkosten schnell mal auf 24.000 Euro – wie sich am Beispiel Logopädie-Ausbildung der Fresenius Hochschule in Frankfurt nachrechnen lässt. Wie dabei Unterschiede von zum Teil mehreren tausend Euro für ein und denselben staatlich anerkannten Abschluss mit finaler Berufserlaubnis zusammen kommen können, erklärt sich Einsteigern nicht.

Bereits die Höhe des monatlichen Schulgeldes fällt je nach Träger und Region unterschiedlich aus. Hinzu kommen variable Gebühren, z.B. für die Aufnahme an der Schule, die Anmeldung zur Prüfung oder die Ausgabe der Urkunde. Überdies machen einige Schulen Pflichtaufwendungen für Instrumente, Berufskleidung und Lehrmaterial, Berufsunfall- und Haftpflichtversicherung geltend. Dazu addieren sich üblicherweise Zinsen für einen Bildungskredit, Fahrtkosten zu Praktikumsbetrieben, Aufwendungen für Unterkunft und Verpflegung. Bei Heil- und Kurkliniken mit angeschlossenem Bildungszentrum gehört letzteres oft mit zum Angebot – für minderjährige Schülerinnen und Schüler, die sich nicht am Wohnort ihrer Eltern zum Therapeuten ausbilden lassen können, sicher eine Option. Fazit der Recherche: Wer die Wahl hat, quält sich durch einen Wildwuchs an Angeboten eines Dienstleistungszweiges, in dem zumeist Minderjährige und daher Berufsschulpflichtige die Kunden bilden.

So intransparent wie ihre Kosten ist auch die Qualität der Ausbildung. Eine Sicherung der Anforderungen durch staatliche Aufsichtsbehörden existiert lediglich in einigen Bundesländern. Das Gesetz lässt das zu. Während die Ausbildung der Logopäden bestimmt wird durch das Hochschulrecht der Länder, unterliegen die anderen Therapeutenberufe dem Bundesgesetz. Das legt zwar detailliert den Stoff fest, der unterrichtet werden soll, und die Gesamtzahl der Stunden in theoretischer und praktischer Unterrichtung, lässt aber offen, durch wen diese erfolgen soll.

Im „Gesetz über die Berufe in der Physiotherapie“ (MPhG) unter Paragraph 9 Absatz 2 beispielsweise findet sich die Lücke, die das ermöglicht:

„Zur Erprobung von Ausbildungsangeboten, die der Weiterentwicklung des Physiotherapeutenberufs unter Berücksichtigung der berufsfeldspezifischen Anforderungen sowie moderner berufspädagogischer Erkenntnisse dienen sollen, können die Länder von Absatz 1 Satz 2 erster Halbsatz abweichen“.

Diese Abweichung bezieht sich auf den Grundsatz, die Ausbildung durch staatlich anerkannte Schulen vermitteln zu lassen. In Deutschland sei es ungleich schwerer, eine Tanzschule zu eröffnen, so der lakonische Kommentar einer Dozentin, als Physiotherapeuten auszubilden. Das schlägt sich nieder in einem breiten Spektrum ungeschützter Begriffe, mit denen Schulnamen ornamentiert werden. Es reicht vom „Berufskolleg“, der „Lehranstalt“ oder „Medizinischen Fachschule“ bis zur „Akademie für angewandte Bewegungswissenschaften“.

Ursache sind Modellversuche. Mit der Umstellung auf international anerkannte Bachelor- und Master-Abschlüsse wurden Studiengänge in Ergänzung und zur Erweiterung der Berufsausbildung von Therapeuten erdacht. Damit ebnete sich der Weg für das duale System. Seit knapp zehn Jahren entwickelt sich der Markt ausbildungs- und berufsbegleitender Studiengänge. Es gibt das Fernstudium, zahlreiche Kooperationen von Berufsfachschulen mit Fachhochschulen, die ersten Master of Science in Ergo-, Logo- und Physiotherapie. Oftmals sind diese Angebote noch kostenpflichtig und an den staatlichen Berufsschulabschluss gebunden.

Doch das Rad dreht sich bereits flink weiter: In Bochum entstand ein grundständiger Studiengang für Logopädie in sieben Semestern. Im Wintersemester 2016/17 startete in Baden-Württemberg ein primärqualifizierender Studiengang Physiotherapie, der erste staatliche und deshalb kostenfrei.

Beitragsfoto: Symbolfoto Copyright by Raquel Abe – CC BY 2.0

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